Philosophie
- Alexander Kropp
- vor 7 Tagen
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(zu griech. philos "Freund" und sophia "Weisheit"), der Versuch, eine Wesensbestimmung der
Philosophie anzugeben, stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, da die Philosophie im Unterschied zu den Fachwissenschaften keinen ihr eigentümlichen eingeschränkten Gegenstandsbereich hat, über dessen Definition ihre Bestimmung laufen könnte, und da sie kein Lehrbuchwissen im strengen Sinn ausgebildet hat, das allgemein als philosophisches Wissen gelten könnte. Jedoch kann ein allgemein akzeptiertes Kennzeichen der Philosophie angegeben werden, daß sie sich nämlich als voraussetzungslos begreift und hinsichtlich der methodisch vorgetragenen Absicht, auch dort nach Gründen zu fragen, wo sich das alltägliche, aber auch das wissenschaftliche Bewußtsein mit faktisch allgemein akzeptierten Überzeugungen zufriedengibt: Es gilt in der Philosophie der Grundsatz, daß nichts, was für gemeinsame Orientierungsbemühungen relevant ist, einem begründungsorientierten und in diesem Sinne philosophischen Diskurs entzogen werden kann und soll. Der Versuch, über diesen Grundsatz eine Wesensbestimmung der Philosophie zu geben, fällt notwendig höchst allgemein aus - wesentliche Differenzen eher überspielend als systematisch klärend- z.B. wenn Philosophie als Bewußtsein des Nichtwissens (Sokrates) oder als Wissenschaft der Vernunft (Hegel) bezeichnet wird.
Zweifellos gibt es in der Philosophie auch ein Lehrbuchwissen i m Sinne eines positiven Wissens, wie es die sogenannten exakten Wissenschaften charakterisiert, z.B. in Teilen der Logik, der
Erkenntnistheorie, der Sprachphilosophie. Jedoch würde es die philosophische Reflexion ohne
einsichtlichen Grund unnötig einschränken, Philosophie so als die Gesamtheit philosophischer Sätze aufzufassen und von dieser womöglich auch noch zu verlangen, daß sie ein System "philosophischer Erkenntnisse" (Kant) darstelle. Umgekehrt wäre es zu kurz gegriffen, wollte man, wie Wittgenstein, sagen, daß die Philosophie sei, sondern eine Tätigkeit, und ihre Resultate seien keine philosophischen Sätze, sonder das Klarwerden von Sätzen ("Tractatus"). Tatsächlich läßt sich die philosophische Reflexion als eine, ihrem Wesen nach begründungsorientierte Tätigkeit auffassen, deren Ergebnisse auch formuliert werden können; allerdings können diese Formulierungen selbst wieder Anlaß zu philosophische Reflexion werden. Dies kennzeichnet die besondere Rolle der Philosophie gegenüber den Fachwissenschaften, indem sie sich auch vordergründig nicht mit einem Lehrbuchwissen als Zusammenhang festgelegter Sätze zufriedene geben kann. Diese besondere Rolle läßt es wiederangezeigt sein, Philosophie mit Wissenschaft zu identifizieren bzw. sich gegenüber einer durch philosophische Kritik i n methodischen Dingen gereinigten Wissens überflüssig zu machen - (entsprechend dem Reduktionsprogramm des logischen Empirismus), noch zwingt sie sich dazu, Philosophie gänzlich außerhalb der Fachwissenschaft, etwa nur noch in Form von Ontologie, anzusiedeln. Die besondere Rolle philosophischer Reflexion besteht in einer Begründungen sowohl allgemeiner-, als auch wissenschaftlich-spezifisch ausarbeitenden Orientierung, was durchaus den Fall einschließen kann, daß Philosophie als eine Wissenschaft von den "Prinzipien des Seienden als solchen" (Aristoteles, Metaphysik) auftritt.
"Philosophie" (griech. philosophia) bedeutet ursprünglich i m griech. Sprachgebrauch wörtlich
"Streben nach Weisheit", wobei der Wortbestandteil "sophia" ursprünglich allgemein ein auf
Sachverstand beruhendes Können ( = Sichauskennen) bezeichnet und erst allmählich auf
"theoretisches Wissen" eingeschränkt wird. Der Ausdruck "Philosophie" (fälschlicherweise
Pythagoras zugeschrieben) ist Platonischen Ursprungs; im Unterschied zu Gott, der weise sei, komme dem Menschen nur das Streben nach Weisheit zu. Die griech. Wörter "philosophia" und "episteme", die häufig mit Philosophie bzw. Wissenschaft übersetzt werden, werden in gleicher Bedeutung verwendet, ebenso der Ausdruck Philosophia prima, die unter den theoretischen Disziplinen hinsichtlich der ihr als Aufgabe zugeordneten Ausarbeitung von Begründungszusammenhängen eine besondere Rolle spielt und wirkungsgeschichtlich die Genese der Metaphysik als sogenannte philosophische Kerndisziplin bestimmt. Die Ausarbeitung vernunftbestimmter Ausrichtungen in theoretischer Form bildet somit den Ausgangspunkt einer Bemühung, in der philosophische und wissenschaftliche Aufgaben noch ungeschieden bei einander liegen.
Bis in die Neuzeit hinein ändert sich an dieser prinzipiellen Verknüpfung einer philosophischen und wissenschaftlichen Bemühung um rationale Orientierung wenig, darin wesentlich unterschieden von außereuropäischen Entwicklungen der Philosophie (z.B. der chin. und ind. Philosophie). Die mannigfaltigen philosophischen Kontroversen z.B. zwischen den Positionen von Realismus und Nominalismus, Rationalismus und Empirismus, die sich teils über die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften fortsetzen, teil wesentlich neue Anstöße durch eben diesen Wandel erfahren, betreffen zwar allgemeine Teile der Theoriebildung, wie sie für den Begriff der P. bestimmend bleiben, doch werde ihre Auseinandersetzung stets wissenschaftlich relevant geführt und greifen in den methodischen Aufbau wissenschaftlicher Theorien selbst ein. Insofern läßt sich die um strengsten Sinne als Wissenschaftstheorie konzipierte Erkenntnistheorie Kants ebenso wie die thematisch weitgehend parallele erkenntnistheoretische Reflexion z.B. bei Locke, Hume, Descartes und Leibniz
über alle inhaltlichen und methodischen Unterschiede hinweg als durch die gleichen Intentionen
geführt ansehen, die ursprünglich die griech. Idee einer rationalen Orientierung durch Theorie
bestimmt haben.
Die Verselbständigung der P. gegenüber der Rationalität der Fachwissenschaften, die im 19. Jh. voll zum Tragen kommt, ist eine Folge der sich ungeachtet mancher terminologischer Kontinuität anbahnenden Verselbständigung der Fachwissenschaften. Zudem wächst die über die Aufklärung vermittelte Abneigung gegenüber eine spekulativen Erweiterung des Vernunftsgebrauchs, als sie die P. trotz Kants Metaphysikkritik erscheint. Nach einer Phase des Systemdenkens, in der es nicht nur gelingt, die sich anbahnende Verselbständigung der Wissenschaft im philosophischen Geist rückgängig zu machen, sondern die selbst wegen ihres spekulativen Charakters von den Wissenschaften als Argument für ihre Verselbständigung genutzt wird, zeigen sich extreme Reaktionen philosophischen Selbstverständnisses, die bis weit in 20. Jh. hineinreichen: z.B. in Form eines völligen Rückzugs der P. aus den Wissenschaften oder im Gegensatz dazu in Form ein völligen Beschränkung der P. auf reine Wissenschaftslogik bzw. eine Analyse der Wissenschaftssprache.
Das Interesse der Philosophie an der Wissenschaft, das sie aus einer gemeinsamen Vergangenheit bewahrt hat, macht sich gegenwärtig allgemein in Form eines wissenschaftlich theoretischen Bewußtseins geltend. Entsprechend spielen, ausgehend von G. Ferge und wesentlich beeinflußt von der analytischen P. i m modernen P. Verständnis Logik, Sprachphilosophie und Wissenschaftstheorie im engeren Sinne als Theorie Allgemein und wissenschaftlich spezifische Begründungszusammen- hänge eine dominante Rolle. Generell stehen das Problem normativer Fundamente der Wissenschaft sowie das Problem der Begründbarkeit von Normen i m Vordergrund ferner eine grundlagenorientierte Theorie der Wissenschaften. Die praktische Philosophie befaßt sich zunehmend mit Begründungsfragen der Sozialwissenschaften oder mit den methodischen Normen der Wissenschaftspraxis (Ethik). Fachrichtungen wie etwa Religionsphilosophie, philosophische Anthropologie und Ästhetik treten gegenwärtig in ihrer Bedeutung zurück.
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